Lea_Huebner (c) Alea Rodríguez
(c) Alea Rodríguez

Lea Hübner | Übersetzerin

Ich bin Übersetzerin für Spanisch und Portugiesisch und mein Schwerpunkt sind Comics und Graphic Novels.

Die meisten Comics sind Übersetzungen, aus meinen Arbeitssprachen gibt es aber nur wenige. Deshalb gehe ich selbst auf Verlage zu und stoße Projekte an.

Der Verlag kauft die Lizenz und beauftragt die Übersetzung. Ich bekomme das Original und übersetze in eine Textdatei. Dabei kommen der Wortlaut von den einzelnen Sprechblasen oder Textfeldern und auch die Soundwords jeweils auf eine neue Zeile. Ich nummeriere sie entsprechend der Abfolge beim Lesen. So kann die Person im Verlag, die anschließend das Lettering macht, alles zuordnen. Beim Übersetzen muss ich auf den Platz achten, da im Deutschen der Text meist länger wird. Ich muss Text und Bild zusammen denken und für Bezugnahmen, die in der Zielkultur nicht funktionieren, Lösungen finden. Bei Platzproblemen kann ich Wörter sparen oder streichen, wenn etwas, das im Text genannt wird, im Bild zu sehen ist.

Weil der Text oft gekürzt werden muss, ist ein gutes Gespür für das Wesentliche notwendig, auch für Charakterrede und Mündlichkeit. Sich die eigenen Übersetzungen laut vorzulesen, ist wichtig, und Comics zu mögen und zu lesen, ist natürlich hilfreich.

Comicübersetzung ist eine sehr spezielle Nische. Deshalb ist es sinnvoll, sich mit Kolleg*innen auszutauschen, etwa über den VdÜ. Wir sind keine „ausbeutbaren“ Comicfans mit Übersetzungsenthusiasmus, sondern erledigen einen Job mit der notwendigen Professionalität.

Da die Bezahlung für das Übersetzen von Literatur – Comics eingeschlossen – sehr schlecht ist, brauche ich weitere Standbeine.

Studiert habe ich Lateinamerikanistik, Spanisch und Philosophie. Außerdem habe ich in Spanisch die staatliche Übersetzerprüfung gemacht.

Ab etwa 2013 habe ich damit begonnen, Kontakte im Bereich Literaturübersetzen aufzubauen. In dem Jahr war Brasilien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Das Netzwerken habe ich stetig weitergeführt, wobei die Entwicklung zum Comic bei der Messeakquise entstand: Im Gegensatz zu den Belletristikverlagen konnten die von mir besuchten Comicverleger nämlich direkt auf die vorgestellten Werke reagieren – allein aufgrund des Visuellen. So habe ich mit meiner Spezialisierung begonnen. Ich war auch auf Werkstätten des Deutschen Übersetzerfonds.

Einen typischen Arbeitstag gibt es bei mir nicht. Und das gefällt mir. Nur Mittwoch ist mein fester Tag im Comicladen. Ansonsten kann es sein, dass ich beim Standesamt oder bei der Polizei einen Dolmetschtermin habe, danach an einer Übersetzung weiterarbeite, Gutachten erstelle, Rechnungen schreibe, Anfragen zu Urkundenübersetzungen beantworte, ein Seminar konzipiere, Hausarbeiten korrigiere oder so etwas. Lesen kommt meistens auch vor.

Wie viel Arbeitszeit ich in ein Buch stecke, ist extrem unterschiedlich, ich führe da keine Statistik. Eine Graphic Novel von 360 Seiten mit Italienisch-Einsprengseln, die erhalten bleiben sollen, die aber das Zielpublikum nicht so einfach integrieren kann wie das argentinische Ausgangspublikum, gibt mir manch eine Nuss zu knacken und ist darum arbeitsaufwendiger als andere Texte. Ebenso, wenn es anspielungsreich zugeht und doppelbödige Botschaften transportiert werden müssen. Wenn ich da über die zielsprachlichen Möglichkeiten nachgrübeln muss, ist das herausfordernder und kreativer, aber eben auch weniger rentabel als eine Übersetzung für eine Behörde.

An meinem Beruf mag ich besonders, dass sich während der Arbeit an einer Übersetzung meistens ein guter, oft lange weiterbestehender Kontakt mit der*dem Autor*in aufbaut, z. B. weil ich mit ihnen bestimmte Fragen klären muss. Toll sind die persönlichen Begegnungen mit Autor*innen, oft bei den Veranstaltungen nach Erscheinen der Übersetzung: Das sind gemeinsame Talks und Lesungen, bei denen ich aufgrund meiner Vernetzung in kulturellen Institutionen und der Comicszene oft schon vorab in die Organisation involviert bin – der Moment auf der Bühne ist dann der krönende Abschluss.

Im Comicladen erkannte ich einen Kunden als chilenischen ehemaligen Kommilitonen aus dem ersten Semester Lateinamerikanistik wieder. Er lebt nach wie vor in Berlin und war kurz zuvor auf den Sachcomic „Die Jahre von Allende“ in meiner Übersetzung aufmerksam geworden. Seine Eltern in Chile lasen die Originalfassung und anhand dessen ergab sich während eines stundenlangen Telefonats mit ihnen, dass sie endlich anhand dieses Buches über die bis dahin nie thematisierte Erfahrung von Allendes Sturz 1973 und Pinochets Diktatur im Zusammenhang ihrer Familiengeschichte reden konnten. Ich war gerührt und froh, durch meine Tätigkeit zu solcher Verständigung beitragen zu können.

Was mich an meiner Arbeit manchmal stört, sind die geringe Planbarkeit meiner ganzen Engagements und des Einkommens, das Zuarbeiten von außen für die Verlage (oft unklare Ansprechpartner*innen und Abläufe) und dass immer noch so oft versäumt wird, uns Übersetzer*innen zu nennen, und zwar nicht nur klein im Impressum, sondern in der Titelei und überall, wo Angaben zu dem Buch stehen. Das gilt insbesondere für die Rezensionen, denn wir sind Urheber*innen und müssen neben den Autor*innen immer mitgenannt werden.

Stichwort Digitalisierung: In 10 Jahren sieht mein Job sicher anders aus, aber ich kann es mir nicht vorstellen …